Hommage an den Mondritter

Es war ein Glücksfall für Michael Hutter, als er vor Jahren bei Bildrecherchen in einem Eifelkloster auf die Prachthandschrift "De Monachis et Sacerdotibus Libidinosis" stieß, 1459 für den Vizekanzler der römischen Kirche, Kardinal Rodrigo Borja, angefertigt. Das Werk soll seinerzeit den Hauptimpuls für das Breve Pius II. gegeben haben, in dem dieser dem Kardinal Vorhaltungen wegen seines Lebenswandels machte. Es galt lange als verschollen und wurde aufgrund seiner spärlichen Illustrationen und seines fragwürdigen Inhalts von der Wissenschaft bis heute vernachlässigt.

Anfangs versprach Hutter sich von der Lektüre bestenfalls Anregungen für eine Folge erotischer Zeichnungen. Als er auf einen Passus stieß, dem zufolge ein fahrender Sänger aus dem Norden namens Melchior Viridis zuchtlose Nonnen ihrer Strafe zugeführt haben sollte, erregte jedoch die Präzision seine Aufmerksamkeit, mit der der Held der Geschichte beschrieben wurde. Zu offensichtlich waren die Hinweise darauf, daß es sich um eine reale Person handelte, die zu diesem Zeitpunkt bereits mythisiert wurde: Viridis wurden magische Fähigkeiten zugeschrieben; man verglich ihn aufgrund seiner Mensch und Tier bezaubernden Sangeskunst mit Orpheus; sein Heldenmut, sein vielfacher selbstloser Einsatz als Beschützer und Retter der Schwachen sowie seine Qualitäten als minnegeübter Frauenliebling von feinen Manieren deuteten eher auf einen Ritter als einen einfachen Sänger hin.

Hutters Neugier war geweckt. Er begab sich auf mediävistische Spurensuche. Neben dem hebräischen Vornamen Melchior, "König des Lichts" diente ihm vor allem eine Randzeichnung in De Monachis als Anhaltspunkt: Ein grüner Greif hält ein Adelswappen mit einem grünen, laubumkränzten Halbmond. Wo die Heraldik trotz aller Mühen versagte, half die Literatur weiter: Quellen zu der bekannten britischen Versdichtung Sir Gawain and the Green Knight (14. Jahrhundert) weisen eindeutig darauf hin, daß der grüngekleidete Ritter ursprünglich nicht zum walisischen Kulturraum gehörte, sondern zum norddeutschen. Dort hat, wie man liest, in einem nicht näher bezeichneten Seengebiet ein "Herr Mighel vom grünen Mond" ein kleines Lehen weise verwaltet. Bis seine Kräfte nachließen, führte er im heutigen Westeuropa ein unstetes, leidenschaftliches Wanderleben, das viele der oben genannten Aktivitäten beinhaltete. Seine mehrfach erwähnten, in den Quellen auszugsweise zitierten Dichtungen und Kompositionen sind zwar unauffindbar, aber es kann kein Zweifel daran bestehen, daß Herr Mighel ein hochtalentierter Minnesänger war, dessen Werk die Legendenbildung um seine Person zusätzlich beflügelte.

Im Alter widmete er sich verstärkt dem Studium der Himmelskörper und schrieb eine Abhandlung über sein Wappengestirn, den Mond. Er war überzeugt, daß dieser einst so grün und fruchtbar wie die Erde selbst gewesen sei und ein heilendes grünes Licht verbreitet habe, bis ihn dämonisches Wirken in eine bleiche Wüstenei verwandelte (man bedenke auch den Namen des grünen Ritters in Sir Gawain: "de Hautdesert"!); und er lebte in ständiger Furcht, daß der Erde, sollte die Menschheit ihre Sünden nicht aufrichtig bereuen, ein ähnliches Schicksal beschieden sei. In dieser Zeit nahm er den Namen Melchior an. Er soll ein hohes Alter erreicht haben und trotz seines - seinem Umfeld unverständlichen - Forschungsdranges stets hoch geachtet worden sein.

Eben dieser Wissendurst wurde jedoch seinem Andenken zum Verhängnis. Einem undatierten vatikanischen Manuskript ist zu entnehmen, daß der wachsende Nachruhm des mondliebenden Ritters der Inquisition ein Dorn im Auge war. Melchior wurde postum zum gefährlichen Häretiker erklärt, seine Nachkommen gefoltert und verbrannt, seine Burg geschleift und seine umfangreiche dichterische und wissenschaftliche Hinterlassenschaft als teuflisches Lockwerk vernichtet. Daß die faszinierende Person und die Taten Mighels/Melchiors nicht vollends in Vergessenheit geraten sind, ist Michael Hutter zu verdanken, der ihm mit seinen Melchior Grün-Bänden ein kongeniales, phantasievolles Denkmal setzt.

Dr. Isme G. Hermes
Bonn/ März 2002

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