Reich an Schatten

Whence come you in the world of life and light
To this our City of Tremendous Night?


Auf den ersten Blick hielt ich Michael Hutter für einen kongenialen Illustrator der Schwarzen Romantik und der Décadence. Die ungeheure Intensität seiner Panoramen ließ mich nicht los und rief in mir fast vergessene Texte und Bilder wach.
Insbesondere dachte ich an The City of Dreadful Night von James Thomson "B.V." (1874). Zitate daraus führen durch dieses Protokoll meiner Reaktionen.
Die "Schattenreiche" sind jedoch offensichtlich und das trägt zu ihrem nicht unerheblichen Irritationspotential bei keine bröckelnden Hinterlassenschaften modernder, machtgieriger Sybariten der Vorzeit. Je länger man sie betrachtet, um so mehr wird man von der Ahnung beschlichen, daß es sich hier, je nach Entwicklung der Spezies homo sapiens, um Fenster in eine desolate Zukunft handeln könnte.

The City rests for man so weird and awful,
That his intrusion there might seem unlawful,
And phantoms there may have their proper home.


Außerhalb der Städte, in den zerklüfteten Landschaften mit ihren verzerrten Wurzeln und toten Ästen, über die sich fremdfarbige Himmel voller wenig vertrauenerweckender Licht- und Wolkenphänomene spannen, scheinen von Menschenhand verursachte Verwüstungen stattgefunden zu haben. Dort gestrandete gigantische Maschinen findet man in den Städten wieder.
Die monumentalen Trutzwälle der Metropolen freilich -steingewordene Zeugnisse der Überheblichkeit und des Omnipotenzwahns der Erbauer- schützen nicht vor dem Unheil, das diese Welt befällt. Wo sich überhaupt Menschen in die verödeten Straßenschluchten oder Gebäude wagen, wirken sie wie somnambule Zombies ohne Zukunft.

All substance lives and struggles evermore
Through countless shapes continually at war,
By countless interactions interknit:


Das heißt nicht, daß es in den Schattenreichen kein Leben gibt. Es entwickelt sich sogar prächtig, nur anders, als einem lieb sein mag.
Mutationen aller Art sind zu beobachten, und Mésalliancen des Organischen mit dem Anorganischen sind offenbar an der Tagesordnung. Insbesondere die nutzlosen Maschinen haben sich wohl die Zeit mit sinistren Mollusken vertrieben. Ihre Nachkommen lauern hinter Mauern und gruppieren sich zu Rudeln.
Das ist in dieser unwirtlichen Umgebung zweifellos von Vorteil: Selbst die Monstrositäten sind im erbarmungslosen Überlebenskampf der Schattenwesen gegen Verfall und Tod nicht gefeit und weisen gelegentlich Verletzungen auf.

As I came through the desert thus it was,
As I came through the desert: Eyes of fire
Glared at me throbbing with a starved desire


Hinter anderen Mutationen lassen sich menschliche, genauer gesagt weibliche Formen erkennen, die durch eine ungehemmt brodelnde Biomasse grotesk verunstaltet sind. In ihnen haben sich anscheinend die gesamten Sünden und der Sittenverfall der Bewohner niedergeschlagen. Solche post-nuklearen, post-transgenen femmes fatales können nur das Ergebnis langjähriger Vergehen an der Natur sein. Dionysisch-triebhaft und dämonisch locken sie mit einer pervertierten Sinnlichkeit, die offenbar allein noch die abgestumpften Gemüter ihrer Mitkreaturen zu kitzeln vermag.
Sie thronen beherrschend im Vordergrund und fordern obendrein, sphinxgleich gelagert, zur Götzenanbetung auf. Inmitten des Untergangs regiert eine schmerzverheißende Wollust.

None uninitiate by many a presage
Will comprehend the language of the message
Although proclaimed aloud for evermore.


[Daniela Tandecki]

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Relaunch: 06.2004 quellfrau