Genitale Gespiele

Seit Michael Hutter den nächsten Schritt getan hat, wird klarer, was er früher unter alptraumhaft fahl niederstürzenden Monden, verkracht Knarrendem, Rotesken und allzu Organischem versteckte: Monster aller Schattierungen, die wunderschöne Frauen belästigen. Oder umgekehrt.
Auf seiner frisch geschlüpften Website wird es auf einmal derart prachtfarben, dass einem knuddelig orangenen Biest angesichts einer Girly-Scham noch die Spucke wegbleibt, wo ein stacheliger Hagerling bereits zur Ejakulation schreitet. Das Ganze unter "Erotika" einzusortieren, ist schon ein Hammer. Beziehungsweise eine Gemeinheit. Ganz im Stil der zwei Knaben, die ihre wohlgestalte Schwester in eine Wurmwurzelgrube entführen. Unter Berücksichtigung der sie umgebenden, gemütlich warmen Farbverläufe in dreihundert dpi sei ihnen das aber verziehen.

Zwischendurch war Hutters Welt einmal schwarzweiß, dafür aber beinahe heterosexuell unmonströs. Zwar liegt ein genital eingespannter Gespiel einer uns unbekannten, angeblichen Gräfin noch an der Leine eines spinnenartigen Hofmarschalls. Doch insgesamt stimmt die getuschte Welt hier, und sei es nur für einen kleinen Geschlechtsverkehr auf der Gartenbank. Monster sind zwar trotzdem stets irgendwo im Bild oder biegen gleich um die Ecke, aber immerhin bleibt dem Zuschauer Schlimmeres erspart. Die masturbierende Frau mit Hündchen bringt´s auf den Punkt: Tiefer Friede um sie, ihre Blumen und das schwer geerdete Maskottchen.
Wer Hutter kennt, der wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. Die Pilzfee hielt Einzug und tauchte alles in das Licht der innerlichen Tatsachen. Schon ein allererstes Ölgemälde des Künstlers hatte einen pilzbestandenen Weg zum Thema, und da ist es nur fair, wenn nun auch die dazu passende Fee - hinsichtlich eines Schlags ins Grüne wohl dem wieder erhältlichen Absynth entfleucht - einmal vorbeischaut. Was sie mitbringt, sind Geschichten, neuerdings nicht nur gemalt und gezeichnet, sondern nun auch in Microsoft Word und mit angekündigter Fortsetzung.

Doch auch das ist schon wieder Gestern. Neuerdings verwandeln sich nicht mehr Hutters Strichvorlagen in Grafik und Grafit, sondern der Meister selbst verändert sonderliche Familien-Fotos. Mein Liebling ist dabei der monströse Teckel, der auf Großvaters Schoß erst erblindet, um dann zum tentakelnden Gehirn zu mutieren. Auch das abstürzende Flieger-Emblem an der Jacke des damals noch knackigen Ahns verdient angesichts der im Hintergrund daherwackelnden Flugmaschine ein donnerndes Lachen.

Von einem einzigen Klick rate ich allerdings dringend ab: Der "Kurzen Stellungnahme Michael Hutters zu seinen Arbeiten." Zwar ist darin jedes Wort wahr und gut. Das könnte aber allzu leicht davon ablenken, was mein alter Freund Isme Hermes und ich bei einem herbstlich-nächtlichen Besuch im Nieselregen beschlossen haben: Das Grauen vor Draußigem braucht in der Nähe von Hutters Atelier keine verwörtlichte Darstellung. Denn wer die dreizehn ächzenden und von parasitischen Pflanzen leergesaugten Baumstümpfe auf dem Weg zur nächstgelegenen Straßenbahnhaltestelle im Kölner Stadtteil Höhenhaus gesehen hat, wird froh sein, in Hutters Werken zumindest eine gefrorene Wirklichkeitsdarstellung handhaben zu können.

Schön wär´s. Denn schon rührt Melchior Grün incarnate unsere Gedärme in die andere Richtung: Er wendet sie dem Trickfilm zu. Und diesmal hat Hutter Unterstützung: Sein Sohn und seine Gattin drehen mit an den Schrauben. Bislang verschluckt zwar erst ein animierter Fisch zwei reisende Fräuleins. Doch wo das endet, ahnen die geschätzten LeserInnen schon. Gott steh´ uns bei. Mahlzeit.

[Mark Benecke, Oktober 2002]

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Relaunch: 06.2004 quellfrau